„Unser Dorf soll schöner werden“

Der Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ hat – im Vergleich zu allen anderen Bundes-, Landes-, Kreis- und Gemeindewettbewerben, die sich mit der Verbesserung der Lebensumwelt in Stadt und Land befassen - die größte Breitenwirkung. Er ist nicht nur ein Wettbewerb für den Bürger, sondern mit dem Bürger. Er erfasst in den aktiven Teilnehmerdörfern jeweils die gesamte Bürgerschaft.
So lesen wir in einer Auswertung der Landeswettbewerbe von 1961 bis 1981. In der Tat: seit Bestehen des Wettbewerbs – der 1961 von der Deutschen Garbenbau Gesellschaft unter Gräfin Bernadotte aus Anlass der Veröffentlichung „Grüne Charta von der Mainau“ gegründet wurde – hat er weit über zwei Millionen Bürger des Landes Nordrhein-Westfalen in mehr als 2000 Dörfern zur tätigen Mithilfe bei der lebenswerten Gestaltung ihres Heimatortes und der ihn umgebenden Landschaft angeregt und dabei einen Gegenwert von geschätzten mehr als 200 Millionen DM erwirtschaftet. Auch heute noch hat der Wettbewerb eine sehr aktuelle Aufgabe zu erfüllen. Das zeigt nicht nur seine ungebrochenen Resonanz, sondern leitet sich auch daraus ab, dass er bisher erst die Hälfte aller wettbewerbsgeeigneten Dörfer in NRW erfasst hat. Während der Wettbewerb in den 60er Jahren überwiegend auf Blumenschmuck, Gartenbau, Ortsgrüngestaltung sowie Bauleitplanung ausgerichtet war, haben sich die Schwerpunkte in den 70er und 80er Jahren stärker auf Ortsbildgestaltung, Baugestaltung, Gestaltung der ortsumgebenden Lanschaft sowei Sozial- und Freizeiteinrichtungen verlagert. Nicht zu unterschätzen ist auch die Arbeit, die auf dem Gebiet des Umweltschutzes etc. im Rahmen des Wettbewerbs geleistet wird. Ferner sind durch ihn die oft mangelhaften landschaftlichen Eingliederungen von Ortserweiterungen, das Überhandnehmen städtisch geprägter Grüngestaltungsformen und die Verwendung landschaftsfremder Baustoffe zurückgedrängt worden. Weiter konnte das gesellschaftliche Leben auf Vereins- und Nachbarschaftsebene nachhaltig belebt werden. Neu entdeckte Brauchtumspflege und Belebung des Naturschutzgedankens und der Heimatkunde gehören ebenfalls zu den positiven Ergebnissen des Wettbewerbs. Nicht verschwiegen werden darf aber auch, dass der Identitätsverlust der ländlichen Bevölkerung, der durch die Gebietsreform mit Eingliederung der ehemals selbständigen Gemeinden in neue Großgemeinden aufgefangen werden konnte. Das Verantwortungsbewusstsein für den unmittelbaren Lebensraum wurden beim Bürger nachhaltig belegt und gefestigt. So gesehen ist der Wettbewerb zu einer unverzichtbaren Einrichtung geworden. Aber es muss auch Kritik erlaubt sein. Der Wettbewerb stand immer in der Gefahr der Gleichmacherei, und die dorfspezifischen Eigenheiten wurden hier und da zu wenig beachtet. Die Schaffung immer neuer öffentlicher Einrichtungen wurde Gott sei Dank bald gestoppt, denn der Unterhalt war auf Dauer durch die Dorfbevölkerung nicht mehr sicherzustellen. Und dann waren da noch die vielen Berater und vermeintlichen Fachleute, die in den Orten ihr Unwesen trieben. Dazu die Mitglieder der Bewertungskommissionen, die zum Teil ebenfalls Einfluss nahmen und Forderungen im Bezug auf Gestaltung an die Verantwortlichen in den Dörfern stellten. Alles in allem ergab das einen großen Einfluss von Außen, der die Kreativität und Eigeninitiative der Dorfbevölkerung nicht zur vollen Entfaltung kommen ließ. Natürlich wich man diesem Druck nicht ungern aus, denn schließlich wollte man bei den Kommissionen nicht in Ungnade fallen und auch im Wettbewerb weiter kommen.
Die Verdrängung von Flora und Fauna im Bereich der Dörfer im Zusammenhang mit dem Wettbewerb war ebenfalls ein Punkt, der bald geändert wurde. In der ersten zeit des Wettbewerbs war es doch so, dass die Platzierung eines Dorfes um so besser war, je weniger wild wachsende Pflanzen angetroffen wurden. Die Natur wurde verdrängt und der letzte Misthaufen musste verschwinden.
Schließlich verfiel man in das andere Extrem und die Pflanzwut setzte ein. Obwohl unsere Dörfer durch Obstwiesen und Gärten im allgemeinen noch recht gut durchgrünt sind, wurden hunderte von Bäumen, Sträuchern und Hecken neu gesetzt, so dass man blad vor lauter Buschwerk die Häuser nicht mehr sehen kann und der freie Blick auf ortsbildprägende Bauten versperrt wird.
So wird es auch in Zukunft nötig sein, den Dorfwettbewerb kritisch zu begleiten, ihn durch neue Ideen zu beleben und falls notwendig, auch in Frage zu stellen.
Besonders im Hochsauerland hat der Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ viele Freunde und aktive Dorfgemeinschaften gefunden.
Seit 1965 sind die Hochsauerland-Dörfer dabei und hatten in Grafschaft das erste Golddorf (1965). Ihm folgten weitere 15 Landessieger und 11 Bundessieger. 48 mal Silber und 14 mal Bronzeplaketten wurden vergeben, wobei einige Dörfer mehrmals unter den 2. und 3. Platzierten zu finden sind.
Eine wahre „Goldgrube“ waren überall die Jahre die Dörfer des Schmallenberger Sauerlandes. Nicht weniger als 8 Landessieger und 7 Bundessieger beherbergt die Stadt Schmallenberg in ihren Mauern. Damit steht sie an der Spitze in Deutschland und wird auch wohl so schnell nicht von dieser Position verdrängt werden können, denn mit Niedersorpe und Lenne hat sie bereits wieder zwei „heiße Eisen im Feuer“.
1991 wurde Kirchrarbach Landes- und Bundesgolddorf. Damit ist kontinuierliche Arbeit, Durchhaltevermögen und beispielhafte Eigeninitiative zu einem krönenden Abschluss gekommen. Der Ort hat in seiner Gesamtdarstellung sehr gewonnen und die Kirchrarbacher-Bürger haben sich die von höchster fachlicher Stelle kommenden Auszeichnungen redlich verdient. Bis zu diesem schönen Erfolg war es aber ein langer und mitunter sehr beschwerlicher Weg. Das galt für die verantwortlichen Organisatoren wie auch für die gesamt Dorfbevoölerung. Ausgelassenen Freude und tiefe Enttäuschung, Unternehmungsgeist und Resignation lagen dicht beieinander. Das Wechselbad der Gefühle war oft schwer zu ertragen und es war immer wieder schön, Mitbürger und Mitbürgerinnen zu erleben, die die Dinge nicht so tierisch ernst sahen. So konnte Kirchrarbach von Erfolg zu Erfolg eilen und sich schließlich die „Krone“ in Berlin abholen.

Quelle: Bumbacher 1992